Man wird sich erinnern (wie, in drei Teufels Namen, hätte man es vergessen können?), daß ich letzten Montag das Thema des (Website-) Besucherservices behandelte, einen neuen Service, der unwissenden Menschen, die gern in Verdacht geraten wollen, Gelesene zu sein, in die Lage versetzt, ihre Websites in einer Weise frequentieren, kommentieren und verlinken zu lassen, daß der Eindruck entsteht, ihre Leser seien ihnen zärtlich ergeben.
Ich beschrieb drei Stufen des Besuchs und versprach zu erklären, was Sie in der vierten Abteilung erwartet: der Superbe Besuch , bzw. La Visite Superbe, wie wir Burschen sie nennen, die wir unsere Flitterwochen in Paris verbracht haben. Sie ist die teuerste von allen, sowieso, aber weit billiger als Schmutz, wenn Sie das hohe Maß an Prestige bedenken, das Sie Ihnen in den Augen Ihrer lachhaften Freunde einbringen wird. Hier sind die Details:
La Visite Superbe
Jede Website wird gut und wirklich und wahrhaftig besucht, zuerst von einem qualifizierten Websitebesucher und dann von einem Meister-Websitebesucher, der auf nicht weniger als 55.000 Online-Stunden zurückblicken kann; geeignete Passagen in nicht weniger als fünfzig Prozent der Seiten werden in den Kommentaren aller wesentlichen nationalen und internationalen Nachrichtenseiten (spiegel.de, heise.de, janes.com) zitiert und verlinkt, und in den Kommentaren und Foren ihrer Websites selbst wird eine angemessene Redensart aus der s.u. Liste beigefügt:
- Quatsch
- Ja, allerdings!
- Sehr wahr, sehr wahr!
- Da bin ich aber ganz anderer Meinung.
- Warum?
- Ja, aber vgl. Homer Od.III,151
- Na, na, na.
- Schon, aber Bousset hat in seinem Discours sur l'histoire universelle den gleichen Nachweise geführt und viel gehaltvollere Erklärungen abgegeben.
- Unsinn, Unsinn!
- Gut gegeben!
- Aber warum, um Himmels willen?
- Ebendies hat mir vor Jahren der arme Stallman gesagt.
Muß ich hinzufügen, daß man auch jederzeit spezielle und exklusive Redensarten anfordern kann? Der Aufpreis ist nicht sehr hoch, wirklich nicht.
Außerdem
Das ist natürlich noch nicht alles. Hören Sie sich dies an: Nicht weniger als sechs E-Mails werden mit gefälschten Zuneigungs- und Dankbarkeitsbezeugungen im Netz veröffentlicht, z.B.:
"Für meinen alten Freund und Zunftkollegen A.B. in liebevoller Erinnerung von Stefan Niggemeier",
"In dankbarer Anerkennung der großen Freundlichkeit, die du, lieber A.B., mir hast angedeihen lassen, sende ich Dir den Admin-Account für Basic Thinking. Dein alter Freund Robert Basic."
"Tja, A.B., wir sind beide nicht mehr die Jüngsten. Angeblich habe ich mich inzwischen zu einem ganz passablen Schriftsteller gemausert, aber ich bin immer noch nicht alt genug, die unendliche Geduld zu vergessen, die Du bewiesen hast, als Du meine jungen Füße auf dem Pfad der Literatur geleitetest. Nimm dieses Buch, und mag es noch so dürftig sein, mit gleicher Post entgegen, und glaube mir bitte, daß ich immer bleiben werde, was ich war und bin: Dein Freund und Bewunderer Philip Roth."
"Von Ihrem ergebenen Freund und Jünger N. Negroponte."
"Lieber A.B.: Deine unschätzbar wertvollen Vorschläge und Dein Beistand - die Freundlichkeit gar nicht zu erwähnen, die Du an den Tag legtest, als Du das gesamte 3. Kapitel umgeschrieben hast - all das berechtigt dich wie keinen anderen zu diesem ersten Exemplar von "Nach Bush: das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten. ". Dein alter Freund Paul Krugman."
"Da ich mir das große Vergnügen, Sie persönlich zu besuchen, im Augenblick versagen muß, lieber A.B. sende ich Ihnen ein Exemplar von 'The World is Flat'. Mir fehlt Ihre Gesellschaft mehr, als ich sagen kann... (Unterschrift unleserlich).
Man wird den Schwachkopf, der so gelobt wurde, bitten, dazu folgenden Spruch zu twittern (und ihm nötigenfalls zeigen, wie man das macht): "Der arme alte Friedman war gar nicht mal der Übelste."
All dies hat länger gedauert, als ich dachte. Und es wird noch viel mehr geboten für die lumpigen 7776 Euro und 76 Cent, die Sie der Superbe Besuch kosten wird. In einer Woche hoffe ich, die alten Newsposts berühmter Persönlichkeiten erläutern zu können, die in GMane geschmuggelt werden und auf ihre Websites verweisen werden, jede einzelne ein exquisites Stück Fälscherkunst. Bestellen Sie Ihr Exemplar schon jetzt.
Daniel Hinderink, dpool
frei nach Flann O'Briens "Buchhandhabung", Trost und Rat. München: Diana, 2000.