Wer auf der CeBIT seine Augen und Ohren von den blinkenden und fiependen Handys in den Mobilfunkhallen abwenden konnte, dem dürfte die starke Betonung von Geschäftsprozessen dieses Jahr nicht entgangen sein. So sind "Business Processes" ein thematischer Schwerpunkt der Messe gewesen, und besonders in den Hallen für Unternehmenssoftware waren die entsprechenden Schlagworte auf vielen Ständen zu finden.
Zum einen stehen hinter diesen Schlagworten natürlich Marketingüberlegungen: Optimierung von Geschäftsprozessen ist ein Thema, das CEOs besser verstehen als etwa serviceorientierte Architekturen (SOA) oder Web Services. Schließlich sind Geschäftsprozesse ihre tägliche Arbeit. Deshalb lassen sich IT-Lösungen und selbst Basistechnologie mit diesen Schlagworten besser verkaufen. Denn IT-Entscheider sind schon längst nicht mehr die einzigen Entscheider bei Unternehmensanwendungen. Fachabteilungen und Unternehmensleitung haben ebenfalls ein großes Gewicht bekommen.
Zum anderen steckt hinter der Prozessorientierung aber auch eine langsame Abkehr von den "Silo-Systemen" der vergangenen Jahre, also von Anwendungen, die geschlossene Systeme für eine bestimmte Aufgabe darstellen. Diese Erkenntnis basiert z.B. auf der Erfahrung, dass CRM-Systeme ihren Nutzen erst dann richtig entfalten können, wenn auch andere Anwendungen auf ihre Daten und Funktionalitäten zugreifen können und wenn sie in alle Kundenprozesse voll integriert werden – egal ob diese über Web, Callcenter, schriftlich oder persönlich ablaufen.
Idealvorstellung sind Systeme, wie Berlecon sie in der Kurzstudie "Business Process Management" analysiert hat. BPM soll die Modellierung, Implementierung und kontinuierliche Überprüfung von Geschäftsprozessen in der IT ermöglichen – idealerweise auf der Basis einer einzigen Plattform.
Im Umfeld der CeBIT gab es einige Presseankündigungen von Unternehmen aus Deutschland, die in diese Richtung zeigen: So wollen IDS Scheer und Fujitsu gemeinsam Lösungen für das Geschäftsprozess-Managment vermarkten. IDS Scheer steuert dazu seine Aris-Produkte für die Gestaltung, Analyse und Auswertung von Prozessen bei, Fujitsu die Interstage-Plattform, auf der Geschäftsprozesse implementiert werden können. Auch die Software AG hat die existierende Kooperation mit Fujitsu in diesem Umfeld jetzt zu einer strategischen Allianz ausgebaut.
SAP setzt ebenfalls auf Geschäftsprozesse – das neue Schlagwort heißt Business Process Platform (BPP). Diese Weiterentwicklung der NetWeaver-Plattform soll die Grundlage bilden für eine schnelle Entwicklung von ablauffähigen Prozesskomponenten, wie z.B. für Prozessschritte wie Rechnungsprüfung oder Zahlungsvorgang. Diese Komponenten können dann auf der BPP flexibel zu kompletten Geschäftsprozessen kombiniert werden, weil sie ihre Funktionalität als Service zur Verfügung stellen. Der modulare Aufbau erleichtert dann auch die Wiederverwendbarkeit einzelner Komponenten. So kann etwa eine Prozesskomponente für eine Banküberweisung in vielen unterschiedlichen Prozessen eingesetzt werden.
SAP bewegt sich mit der BPP in Richtung Plattformanbieter für Geschäftsanwendungen. Die eigentlichen Spezialanwendungen für unterschiedliche Branchen und Prozesse müssen nicht alle von SAP selbst entwickelt werden, Partner können diese Aufgabe übernehmen. Dahinter steckt auch die richtige Erkenntnis, dass ein Unternehmen alleine nicht alle Branchen und Prozesse so genau kennen kann, dass es befriedigende Lösungen für alle Anwendungsszenarien entwickeln kann.
Unternehmenslösungen von der Stange verlieren besonders dann an Wert, wenn die Anforderungen der Kunden an Branchen- und Prozess-Know-how zunehmen. Und das hat sich mittlerweile auch bei IT-Anbietern herumgesprochen. So erwarten von den IT-Dienstleistern in Deutschland 69 Prozent, dass Prozess-Know-how als Kundenanforderung weiter zunehmen wird. 59 Prozent erwarten eine Bedeutungszunahme für Branchen-Know-how, wie die aktuelle Marktanalyse "IT Services in Deutschland 2005" von Berlecon Research zeigt.
Nimmt man die CeBIT und diese Anbieterankündigungen als Indikator, so werden wir uns wohl für die nächste Zeit auf die zunehmende Präsenz von Worten mit „Prozess“ am Anfang oder Ende einstellen müssen. Wem das nächstes Jahr auf der CeBIT einfach zu viel wird, der weiß die Handyhallen als Abwechslung dann vielleicht endlich zu schätzen.
Thorsten Wichmann, Berlecon




Thema Marken&Logos (sorry für das little bit offtopic)
Das ist eine wirklich gute Frage - ich arbeite selbst im Marketing bei einem der "ganz Großen" und konnte das gleiche feststellen. Ich glaube der Grund liegt in einer unvorstellbar unkreativen Haltung bezüglich Mediengestaltung und visuellem Marketing. Meiner Meinung nach haben 98% der Marketing Manager in der IT leider keine Ahnung von geschickter Produktpräsentation. Dazu kommt dann eine ganze Stange an Bürokratie und selbst auferlegten "Killer"-Richtlinien. Die Corporate Identity wurde oftmals als Begründung angeführt. Immer wenn ich ansprechende und medienwirksame - aber dennoch CI-konforme - Entwürfe einreichte, zeigte sich jedoch schnell wiedereinmal, wie träge und unlustig sich eingesessene Leute bei Marketingentscheidungen verhalten, während alle ohne Entscheidungskompetenz begeistert waren. Keiner wollte "Ärger mit der Agentur bekommen".
Und so blieb es bisher immer bei alten, konkurenzlos schlechten Flyern, Schriftzügen, Texten, Logos..
..mich hat das nun zur Suche nach einem IT-Unternehmen mit höheren Media-Ansprüchen getrieben. Auf Dauer ist eine solche Verschwendung von Kreativität nämlich auch für einen Nicht-Kunden sehr deprimierend.
Kommentiert von: Jan M. | 05. April 05 um 01:39
Das war auch mein Eindruck, die Hard- und Software rückte stärker in den Hintergrund. Sie ist einfach nicht sehr spannend, genau genommen. Dafür war interessant, "was man damit machen kann".
Dafür - also die Präsentation von Prozessen - ist die CeBIT aber nicht gemacht. Oder die Aussteller waren darauf noch nicht vorbereitet.
Michael
PS: Kann mir mal jemand sagen, warum die Logos,
oder eben besser Marken von mind. 80% der IT Firmen so häßlich sind? Ich meine, man geht doch auch nicht im Jogginganzug zum Business-Meeting, oder?
Kommentiert von: Michael | 30. März 05 um 15:27