Wenn ich früher zu Hause erfolglos nach etwas kramte, meinte meine Mutter immer: „Du musst laut suchen! Das geht schneller!“ Heute, zwanzig Jahre später, nennen Experten so etwas Social Search oder Open Search, nur dass jetzt Mama keine heißen Tipps mehr gibt, sondern wildfremde Leute im Internet. Dafür lässt sich die Suchhilfe in den Browser integrieren und kommentiert ihre Recherchehilfe nicht mit sarkastischen Hinweisen zur häuslichen Ordnung.
Für einsam suchende Webnutzer bei Google, Yahoo und Microsoft Live bietet etwa der kostenlose Webdienst andUNITE jetzt Suchen als Gemeinschaftserlebnis. Dazu meldet man sich auf der Website an und kann fortan seine Anfragen an die bekanntesten Suchmaschinen über andUNITE schleusen. Das geht entweder über eine eigene Browser-Toolbar, als Plug-in für die Firefox-Suchleiste oder direkt über den Suchschlitz auf der Website. Dort speichert der Dienst jede Suchanfrage des Nutzers in dessen persönlichem Profil.
Suchanfragen teilen
Der Clou ist, dieses Such-Archiv kann man mit anderen teilen, entweder mit Freunden, mit denen man sich auf andUNITE vernetzt, oder sogar mit allen Nutzern dieses Dienstes. Wer also beispielsweise nach „wandern münchen“ sucht, findet bei andUNITE nicht nur alpine Gehhilfen für Oberbayern, sondern auch Gleichgesinnte, die es ebenso in die Berge zieht.
Einblick ins Private
Trotzdem fragt man sich nach der Anmeldung auf andUNITE unwillkürlich, was das soll, nun auch Suchanfragen zu veröffentlichten? Schnell beschleicht einen das Gefühl, damit mehr preiszugeben als etwa mit einem persönlichen Profil XING-Profil. David Weinberger nennt es die Macht des Impliziten. Eben weil eine Suchanfrage in der Regel nicht der Selbstdarstellung dient, verrät sie umso mehr über den Suchenden, so wie manches Detail in Social-Networking-Profilen. Immer nach der Regel: je unbewusster, desto authentischer. Das ist kein Problem, so lange nur wir unsere Suchanfragen sehen oder ausgewählte Kontakte. Was aber, wenn sie der ganzen Internetöffentlichkeit zugänglich sind?
Schwarmintelligenz statt Bots?
Doch hinter andUNITE steckt mehr als nur ein weiteres Community-Tool und Bedenken in punkto Datenschutz. Wie alle Inhalte im Web 2.0 können gerade auch Suchanfragen ungeahnte Wirkung entfalten, wenn sie von Nutzern geteilt werden. Das könnte ausgerechnet für Google teuer werden. Denn die wahre Goldwährung im Netz sind Suchanfragen. Während alle auf bunte Videos, Bilder und Blogbeiträge starren, werden die Milliarden mit Suchanfragen verdient. Alle Segnungen, mit denen Google nach den Informationen der Nutzer angelt, werden letztlich durch Suchen finanziert und darüber vermarktet. In gewisser Weise sind Suchanfragen die negative Materie im Googleversum.
Was aber, wenn demnächst nicht mehr die Bots eines privatwirtschaftlich geführten Unternehmens den Wert von Inhalten im Web bestimmen? Was, wenn die Schwarmintelligenz der Nutzer künftig einen entscheidenden Einfluss darauf hat, was Nutzer im Netz finden und was nicht? andUNITE gehört zu einer Reihe von Projekten, die die Masse der Suchanfragen als kollaborativen Steinbruch für das Web 2.0 erschließen wollen und damit am Sockel des Google-Monopols kratzen. Prominentestes Beispiel ist die offene Suchmaschine WikeaSearch von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, die am 7. Januar online ging.
Frischer Social-Content für Intranets
Noch fehlt WikeaSearch eine eigene Suchcommunity und auch auf andUNITE, das sich gleichwohl noch in der Testphase befindet, tummeln sich noch wenige Nutzer. Aber die Gründer des Start-ups denken schon weiter. In einem Interview kündigte Geschäftsführer und Mitbegründer Bernd Storm van’s Gravesande die Entwicklung einer Wissensmanagement-Software an, die andUNITE an Unternehmen lizensieren will. Open Search im Intranet – keine schlechte Idee, wenn man bedenkt, dass die meisten Unternehmensportale vor sich hin stauben und die Anwender einen weiten Bogen darum machen. Vielleicht können ihnen Tools wie andUNITE etwas impliziten Lebensatem einhauchen. Die Jury beim Gründerwettbewerb „Multimedia“ des Bundeswirtschaftsministeriums jedenfalls gab sich beeindruckt und prämierte die Geschäftsidee des Start-ups.
Thomas Sprenger, Pironet NDH-Gruppe




Noch etwas zum Thema Privacy bei andUNITE: Man kann andUNITE völlig anonym benutzen! Für die Registrierung ist nur ein x-beliebiger Username und ein Passwort notwendig - nicht einmal eine E-Mail Adresse. Soviel Privacy gibt es wohl in kaum einem der sog. "Social Networks"...
Kommentiert von: Christian Schmidkonz | 20. Juni 08 um 13:42
[Disclosure: Ich bin einer der andUNITE Gründer]
@ Karin: Bei andUNITE kannst du für jede Suchanfrage frei bestimmen, ob nur Du (Tagebuchfunktion), dein Freundeskreis oder die gesamte Community diesen sehen darf. Auch können alle Suchbegriffe nachträglich einfach und zu jedem Zeitpunkt gelöscht werden. Der Nutzer hat also die volle Kontrolle über die gespeicherten Profildaten. Die Privatsphäre unserer Nutzer und die Datentransparenz sind uns sehr wichtig.
@ Thomas: Das "private" Expertennetzwerk versuchen wir über die Feedfunktion abzubilden. d.h. du kannst deinen Freunden oder ausgewählten Personen mitteilen, was du gerade suchst. So kannst du parallel im Web recherchieren und gleichzeitig erfahren deine Experten welches Informationsbedürfnis du hast und können dir evtl. helfen. Wir stehen erst am Anfang und sind für jedes Feedback dankbar!
Kommentiert von: Bernd Storm | 20. Juni 08 um 12:47
Interessante Geschichte!
Ich habe mir die Seite noch nicht so genau angeschaut, aber absolut notwendig finde ich, dass man für jede Suchanfrage selbst entscheiden kann, ob man privat oder öffentlich suchen möchte (wie man das bei Social Bookmarks ja auch kann.)
Wenn das geht, spricht nichts dagegen und kann helfen, die Suche schneller und effizienter zu machen.
Wie bei allen meinen Aktionen im Internet (Blogs/ Blogkommentare/ Twitter/ Foren/ Social Bookmarks...) muss ich mir dann auch bei einer öffentlich gemachten Suche bewusst sein, dass der Suchbegriff noch Monate später mit meinem Namen verbunden werden kann.
Grüße, Karin Janner
Kommentiert von: Karin Janner | 20. Juni 08 um 12:23
Finde ich klasse, aber noch etwas zu abstrakt. Konkreter wäre es, ausschliesslich das was im wirklichen Leben abläuft abzubilden, nämlich: Ich frage immer meine "persönlichen Experten" bei einem Vorhaben. Bevor ich ein neues Handy kaufe werde ich vorher mit Thomas sprechen, bei Steuerthemen mit Markus etc. Und *diese* gilt es einzubinden und per "Schnell-Direkt-Anfrage" einzubinden. Jeder hat ja schon sein "Experten-Netzwerk" - sehe ich zumindest so.
Kommentiert von: Thomas Müller | 20. Juni 08 um 12:19