Google ist mittlerweile bekannt für seine trojanische Pferdezucht. Durch nutzerfreundliche, kostenfreie und intelligent vernetzte Produkte hat sich die kalifornische Suchmaschinenfabrik den Zugang zu unseren Benutzerdaten verdient. Die Aufregung um ihren letzten Coup, den hauseigenen Browser Chrome, ist noch nicht verebbt, da setzen die Webpioniere aus Mountain View schon den nächsten Meilenstein. Nur dass diesmal alles ein paar Töne leiser verlief. Vergangene Woche meldeten die Nachrichtenportale und Blogs, dass US-Verleger und -Autoren künftig 125 Millionen Dollar dafür erhalten sollen, dass Google den Inhalt ihrer Bücher in seinen Suchschlitz saugen darf. Die Einigung legt einen drei Jahre währenden Streit bei und hat vermutlich Vorbildcharakter für die Zusammenarbeit mit der Verlagswelt in Europa und Asien. Trotz aller Gegenwehr, gerade auch im Land der Dichter und Denker, könnte der neue Suchdienst den nächsten Meilenstein in der Entwicklung des Internets bedeuten, doch anders als es auf den ersten Blick scheint…
Suchmaschinenoptimierung für die Gutenberg-Galaxis
Zunächst macht Googles Buchsuche einen alten Wissenschaftler- und Autoren-Traum wahr: Millionen Bücher online durchsuchen zu können - nach welchem Begriff auch immer. So kann der Fontane-Forscher von „Vor dem Sturm“ bis zum „Stechlin“ nach jenem Neufundländer suchen, der sich so sympathisch als Leitmotiv durch die Romanwelt Fontanes hechelt. Oder ein Kollege hat beim letzten Meeting mit einem literarischen Zitat geglänzt und man möchte herausfinden, welche Lektüre auf seinem Nachttisch liegt. Oder man hat ein paar Wortfetzen aus einem Sachbuch im Kopf, aber der Titel geschweige denn der Autor wollen einem partout nicht einfallen. Solche Qualen will Google künftig mit der Buchsuche lindern.
Google - die kommende Weltbibliothek?
Dazu scannt der Internetriese seit Jahren weltweit die Bestände ganzer Bibliotheken auf seine Festplatten und macht die Inhalte ihrer Bücher den Nutzern über seinen Suchschlitz zugänglich. Bisher füllt Googles digitale Bibliothek sieben Millionen Bände, meist Werke, deren Urheberschutz abgelaufen ist. Sieben Millionen Bücher sind eine beachtliche Zahl. Zum Vergleich: Die größte Bibliothek unserer Tage, die Kongressbibliothek in Washington, beherrbergt etwa 119 Millionen Medieneinheiten. Google könnte also sehr schnell aufholen! Durch die Vereinbarungen mit den us-amerikanischen Verlegern und Autoren kommen nun Millionen weiterer, urheberrechtlich geschützter Bücher hinzu. Diese werden meist nicht im Volltext zugänglich sein, doch zumindest liefert die Buchsuche zu einem Suchbegriff Ausschnitte aus dem Text, anhand derer der Leser den Zusammenhang erschließen kann. Verleger und Autoren können hierbei den Grad der Offenheit selbst bestimmen. Bei freien Schriftwerken können Nutzer Bücher aus der Fundliste sogar im elektronischen Volltext lesen, als PDF herunterladen und ausdrucken.
Vergriffene Titel wieder zugänglich machen
Eine umfassende Onlinerecherche in Millionen Buchtiteln ist indes nicht der einzige Vorteil der Buchsuche. Sie eröffnet Verlagen darüber hinaus einen zusätzlichen Absatzkanal. Nutzer müssen dann für den Vollzugriff auf geschützte Bücher bezahlen. Besonders interessant ist dieses Modell bei Titeln, die im stationären Buchhandel bereits vergriffen sind. Gleichwohl besitzen die Verlage noch den digitalen Text und können ihn ohne weitere Distributionskosten noch einmal vermarkten. Die Nutzer wiederum können schnell auf Bücher zugreifen, die sie sonst über Bibliotheken erst ausleihen oder über Antiquariate beschaffen müssten. Im Netz hingegen ist der Text nur wenige Klicks weit entfernt. Bibliotheken und anderen Institutionen will Google zudem Abonnementmodelle anbieten, durch die sie ihren Bestand ausdehnen und ihren Besuchern so den vollen Recherchezugriff auf die Google-Buchbestände verschaffen können.
iTunes für Bücher
Doch bekanntlich ist das Internet mehr als eine gigantische Datenbank. Seine Stärke ist, dass es Informationen durch Metadaten markiert und miteinander vernetzt. Angewendet auf das gute alte Buch, könnte der typische Way of Internet auch unseren Umgang mit dem Raum zwischen zwei Buchdeckeln so umformen wie in den letzten paarhundert Jahren nicht. Ein gutes Beispiel, wie Metadaten unsere Mediennutzung verändert, ist iTunes. Apples Online-Musikladen macht uns Musik in einer Weise zugänglich, wie es sich die Musikindustrie selbst heute noch nicht vorstellen kann. Der Schlüssel dazu sind Metadaten. Mit Ihnen können wir in iTunes einzelne Musiktitel nach unserem Gusto zu eigenen Alben zusammenpacken. Ihr wahres Potenzial entfalten diese Playlists allerdings erst, wenn wir sie mit anderen Nutzern im Netz austauschen oder sie einfach unter Schlagworten auf iTunes veröffentlichen. Statt wie in Nick Hornbys Roman High Fidelity nur sein nächstes Umfeld mit selbstgemixten Tapes zu beglücken, können sich etwa die deutschen iTunes-Kunden von über anderthalb Millionen Playlists inspirieren lassen. Und diese Metadaten werden mit weiteren Metadaten angereichert: Über sieben Millionen Mal haben deutsche Nutzer öffentliche Playlists anderer Nutzer bewertet und lassen so alternative Charts entstehen, die in ganz anderer Weise den Musikgeschmack und Konsum der iTunes-Kunden widerspiegeln. Auch die Künstler stellen inzwischen eigene Playlists ein (Tipp: Thomas Ds Collection für Hantelbank und Laufband) und lassen ihre Fans auf diese Weise an ihrem kreativen Background teilhaben. Zusammen mit mobilen MP3-Playern wurde Musik so zu einem allgegenwärtigen Begleiter und Ausdrucksmittel und ist in der Online-Identität der jungen digitalen Eingeborenen nicht mehr wegzudenken.
„Literatur aus Los Angeles“
Was bei den Musikfans die Playlist ist, heißt bei Google Book Search „Meine Bibliothek“. Dort sammelt etwa die freie Autorin Magdalena Werke „von Schriftstellern, die in Los Angeles gelebt und gearbeitet haben. Während einige für Ihre Verbindung zu LA bekannt sind, werden andere Sie möglicherweise erstaunen“, so ihr Beschreibungstext. Jeder kann durch die Reihen ihrer virtuellen Regale surfen. Auch Neuzugänge verpasst der Besucher dank RSS-Feed nicht. Der Sammeleifer vieler Nutzer wird in den nächsten Jahren Tausende solcher privater Bibliotheken entstehen lassen, die fortan nicht mehr in Wohnungen vor sich hin stauben, sondern mit ihrem besondern Blick auf die Bücherwelt andere Menschen inspirieren. Diese Metadaten machen auch die Bücher selbst wertvoller. Erfahren wir doch dank ihnen mehr darüber, wie andere Menschen Bücher nutzen, beurteilen und in Zusammenhänge einordnen. Professoren könnten dort die Literaturliste für das nächste Seminar, Firmen Hintergrundliteratur zur betrieblichen Weiterbildung ihrer Mitarbeitern zusammenstellen, Autoren Werke, die sie für wichtig und diskussionswürdig erachten. Die Verfügbarkeit im digitalen Raum könnte neue Gespräche über Bücher anstoßen, wie wir sie schon lange nicht mehr führen. Statt nur auf die Bestsellerlisten der Massenmedien zu schauen, lassen Dienste wie Googles Buchsuche den Leser zu Wort kommen.
Internet und Gutenberg-Galaxis verschmelzen
Doch Google geht mit seiner Buchsuche noch einen Schritt weiter: Dort kann man schon heute Ausschnitte in einem Buch markieren und mit einer eigenen Internetadresse versehen. Diese lässt sich in Onlinebeiträge wie etwa ein Blogpost einbetten. Somit können wir heute erstmals direkt in ein Buch verlinken. Die Technik ist noch etwas umständlich. Das hängt damit zusammen, dass automatische Texterkennung bei alten, teils verblassten Schrifttypen nur schlecht funktioniert. Entsprechend wird die betreffende Textstelle wie ein Bild behandelt und als ganzes verlinkt. Sobald Google aber hier eine seiner genial einfachen Lösungen gefunden hat, könnte dem Internet ein neuer Entwicklungssprung bevorstehen. Denn mit einem Mal würde die Welt unserer Bücher, die sich bisher noch der weltweiten Vernetzung verweigerte, Teil des Internets werden. Zu den Myrriaden schnell vergänglicher Powerpoints und Websitetexten würde sich der gedruckte Kern unseres kulturellen und wissenschaftlichen Diskurses hinzugesellen. Im Internet würden diese Bestände aber nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern immer dichter mit einander vernetzt, eben nicht nur in den täglichen Diskussionen und Medienbeiträgen, sondern ganz handfest durch Links und Metadaten. So ließen sich später einmal einzelne Textpassagen aus dem Faust oder Hamlet recherchieren und mit ihnen auch alle Bezüge im Netz auf diese Textstellen. Je besser die Metadaten sind, die dazu vorliegen, umso genauer können wir diese Bezüge nach Kriterien eingrenzen. Zum Beispiel nach Journalisten, die Goehtes Klassiker als Zitatschatz für ihre Kommentare nutzen, oder nach Autoren aus Los Angeles, die sich von Shakespeares Zauderer inspirieren lassen. Literaturverzeichnisse würden zu lebenden Linklisten, in denen man sofort in die referenzierte Textstelle springen kann, statt das zugehörige Buch erst umständlich beschaffen zu müssen. Eine Unzahl von Anwendungen ist denkbar. In jedem Fall könnte der Suchschlitz aus Mountain View zum zweiten Mal das Web auf den Kopf stellen.




Gute Frage, die sollte ich mal an den Börsenverein weiterleiten. Werde dort mal anfragen.
Kommentiert von: Thomas Sprenger (Pironet NDH/nexum AG) | 06. November 08 um 22:14
Was sagt denn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dazu? Schließlich versucht er seit längerem mit dem Dienst Libreka http://www.libreka.de/ etwas ähnliches auf die Beine zu stellen und stößt dabei bisher in der deutschen Verlagsszene auf wenig Gegenliebe.
Kommentiert von: Griesgram999 | 06. November 08 um 14:12