Neulich habe ich dem Büroloft eines Bekannten einen Besuch abgestattet, und dieser Besuch gab mir zu denken. Mein Bekannter ist sehr vermögend und sehr vulgär. Als er sich darangemacht hatte, Firmenwagen, Barristas, Flipchartpapier und was nicht alles zu kaufen, kam ihm die Idee, auch noch eine Website anzuschaffen.
Ob er lesen kann, weiß ich nicht, aber irgendeine primitive Beobachtungsgabe sagte ihm, daß die meisten Menschen von Rang und Ansehen jede Menge Präsenzen im Netz haben. Also kaufte er mehrere Domains und bezahlte einen schurkigen Mittelsmann dafür, sie mit neuen Websites aller Art vollzustopfen, darunter einige sehr kostspielige Blogs, welche die französische Postmoderne zum Thema hatten.
Ich bemerkte bei meinem Besuch, daß keine dieser Websites besucht, verlinkt oder gar kommentiert worden war, und erwähnte diese Tatsache- "Wenn ich mich erst mal ein bißchen eingelebt habe", sagte der Narr, "komme ich wieder dazu, etwas Netzlektüre nachzuholen." Und das gab mir zu denken. Warum sollte so ein wohlhabender Mensch sich die Mühe machen und so tun, als läse man ihn überhaupt? Warum sollte da nicht ein professioneller Websitebesucher auf den Plan treten und seine Websites für Soundsoviel pro HTML-Seite angemessen besuchen und sonstwo verlinken? So ein Mensch könnte, die nötige Qualifikation vorausgesetzt, ein Vermögen verdienen.
Lassen Sie mich erklären, was ich meine. Laut Webstatistik sehen die Websites völlig ungelesen aus. Anderseits sieht spiegel.de so gelesen aus, daß es fast in Fetzen fällt. Man weiß, daß spiegel.de vielleicht eine millionmal aufgerufen und überflogen wurde, und wenn man nicht wüßte, daß es so etwas wie Webfilter gäbe, würde man meinen der durchschnittliche Arbeitnehmer läse den ganzen Tag darin. Ähnlich ist es bei unserem Schwachkopf, welcher möchte, daß seine Bekannten aus einem flüchtigen Blick auf seine Blogs, Portale und Websites schließen, er könne nur ein Intellektueller sein. Er kauft sich eine riesige Videosammlung von Sofagesprächen berühmter Koryphäen und veröffentlicht diese. Unser Problem ist es nun, die Kommentare in angemessen kurzer Zeit so zu verändern, daß jeder, der sie liest, nur folgern kann, daß seine Besucher die Videos unseres Bekannten gesehen, gebookmarked und getwittert haben.
Nun können Sie, wenn Sie wollen, das Gespräch auf den Entwurf einer Maschine bringen, die, von einem kleinen, aber leistungsfähigen Programm angetrieben, jede Website in fünf Minuten "liest", so daß das Äquivalent einer "Lese"-Zeit von fünf oder zehn Jahren durch einfachen Knopfdruck erzielt wird. Diese jedoch ist die billigste, seelenlose Lösung, wie sie in unsere schnellebige Zeit paßt. Keine Maschine kann die gleiche Arbeit verrichten wie die sanften Finger eines Menschen. Der geübte und erfahrene Websitebesucher ist die einzig wahre Antwort auf diese zeitgenössische soziale Frage.
Was tut er? Wie arbeitet er? Was würde er berechnen? Wie viele Arten des Besuchs würde es geben? Diese Frage und noch viele andere werde ich nächste Woche beantworten.
Daniel Hinderink, dpool
frei nach Flann O'Briens "Buchhandhabung", Trost und Rat. München: Diana, 2000