In aller Offenheit sangen The Who 1966 über das Gefühl nur ein Ersatz zu sein:
You think we look pretty good together
You think my shoes are made of leatherBut I'm a substitute for another guy
I look pretty tall but my heels are high
The simple things you see are all complicated
I look pretty young, but I'm just back-dated, yeah
(Substitute)
In letzter Zeit fabulieren IT-Journalisten und (selbsternannte) Analysten gern von einer Open Source Welle, deren Zeugnisse aber bei näherem Hinsehen kaum zum Ersatz taugen, schon gar nicht zur Bereicherung des Open Source Angebots.
Denn tatsächlich sind Alfresco aber auch SugarCRM das, was man in den USA "token" Open Source nennt. Bei diesen dient der Open Source-Bonus als Türöffner in einen schwer zu erschließenden Markt. Im anderen, weit häufigeren Fall scheint es eher darum zu gehen Software, die im Lizenzmodell nicht (mehr) profitabel verkauft werden kann, noch schnell freizugeben bevor man Kunden für die Nutzung bezahlen muss und zu hoffen, dass die damit erreichte Verbreitung umsatzrelevante Effekte haben wird.
Was hier geschieht, ist eine sehr viel stärkere Verwischung der Grenzen zwischen Open und Closed Source, als das noch vor einigen Jahren denkbar war. Auf den ersten Blick ist das eine erfreuliche Entwicklung, denn nun können Kunden und Entwickler beides haben: einen offenen Quellcode und damit auf kurzen Wegen pfleg- und adaptierbare Software UND eine Garantie und den Support eines Herstellers.
Leider gibt es aber eine Reihe unerfreulicher Effekte, wenn Unternehmen ihre Produkte zu Open Source erklären. Der vielleicht gravierendste ist ein ausbleibender Effekt und kein eintretender: es entsteht so gut wie nie eine Community die selbst aktiv an der Weiterentwicklung beteiligt ist. Das sollte man auch als Kunde nicht unterschätzen, denn ohne Community keine kurzen Wege bei der Fehlerbehebung, keine freie Auswahl der Implementationspartner (bis hin zu eigenen Ressourcen) und keine Unabhängigkeit vom Hersteller. Besonders letzteres ist in diesen Zeiten ein gewichtiges Argument.
Gleichzeitig tun sich Unternehmen sehr viel leichter gezieltes und professionelles Marketing zu betreiben, als Open Source Communities (die gibt es auch, ganz ohne Hersteller!). Auch wenn sich mancher Entwickler sicher sein mag, dass für ihn zu allererst die Qualität der Software zählt, die Einkaufsabteilung zieht vielleicht doch den Hersteller als gewohnten Vertragspartner für die Software vor.
Auch der eine oder andere Techniker könnte sich irren und unter dem Etikett Open Source alle bekannten Vorteile erwarten und nicht nur den offener Quellen, denn ohne Community ist ein Open Source Produkt nur ein schlechter Ersatz.
Dann doch lieber "the real thing", selbst wenn sie vom Ersatz singen:
Daniel Hinderink, dpool




Was mir die meisten Sorgen bereitet, sind die vielen Unternehmen, die "eigentlich Open Source"-Produkte anbieten. Eine Kernversion wird als OpenSource veröffentlicht, wobei jedoch wesentliche Funktionen fehlen. Bei Firewalls ist dies gerade groß in Mode.
Andere Unternehmen veröffentlichen den Quellcode, fordern aber für die kompilierte Version "Lösegeld", frei nach dem Motto "dann kompilieren Sie halt selbst" - was für normale Anwender meist eine nahezu unlösbare Aufgabe darstellt.
Kommentiert von: Michael Ritter | 14. Dezember 08 um 11:25