Multi-WG oder Kamel?
Mit Social Media ist es wie mit der eigenen Wohnung: Gerade eingezogen, ist alles noch frisch, übersichtlich und geräumig, es gibt sogar noch freie Schubladen. Sobald das erste Jahr rum ist und auch die letzten Vorhänge angebracht wurden, wird auch schon der Stauraum knapp, verwandeln sich Kommoden, Fächer und Schränke zu allwissenden Müllhalden. Im Web 2.0 bezieht man mit der Zeit gleich eine ganze Hand voll Wohnungen, die man auch noch mit fremden Leuten teilt, gewissermaßen eine Multi-WG. Irgendwann ist man da nur noch mit Aufräumen statt Networken beschäftigt. Nächstes Problem: Die eigenen Freunde und Kontakte tummeln sich selten in einer WG, sondern laden einen als Mitbewohner in immer neue Kommunen ein. Ab einem gewissen Punkt macht dann eine Wohnung als fester Wohnsitz keinen Sinn mehr. Besser wäre es, man packt seinen Krempel auf ein Kamel und reist wie die fränkischen Könige im Mittelalter von Pfalz zu Pfalz.
Der Gedanke mit dem Kamel kam mir schon beim Eintritt ins dritte Social Network. Dorthin hatten mich ehemalige Kollegen eingeladen. Ich wollte gewissermaßen nur hier und da mal vorbei schauen. Trotzdem musste ich wieder den ganzen Profil-Sermon ausfüllen, den ich schon bei XING und Co. aktuell zu halten hatte. Von Statuszeilen und anderem Aktuell-Komm-Klick-mich-Kram ganz abgesehen.
Social-Media-Cockpit
Leute, die die Online-Aktivitäten meines Netz-Ichs mitverfolgen wollen, haben es da einfacher. Zahlreiche Aggregatoren wie Freundenews oder Friendfeed saugen die Neuigkeiten aus Social-Network-Profilen, Bilddatenbanken, Social-Bookmarking-Diensten oder Mikrobloggern und verwursten es zum persönlichen Webfeed. Leider funktioniert der umgekehrte Weg nicht. Was fehlt, ist die Möglichkeit, seine Profil zentral zu verwalten und etwa auch Statusmeldungen mit einem Klick in alle seine Netzwerke zu posten. Es fehlt ein Social Media Cockpit für den Endnutzer.
Übergreifende Standards für den Datenaustausch zwischen den Networks, wie Googles Initiative Open Social, sind noch im Anfangsstadium. Kaum über den Betastatus hinaus ist auch der Webdienst atomkeep.com – aber ein Schritt in die richtige Richtung. Mit Atomkeep kann der Nutzer einen ganzen Katalog persönlicher Daten verwalten und mit seinen Profilen auf diversen Webdiensten synchronisieren. Technisch hakt es noch an der einen oder anderen Stelle, etwa bei der Authentifizierung. Was fehlt, ist zudem die Möglichkeit, auch aktuelle Inhalte wie Statusmeldungen in seine Network-Netzwerk zu posten. Zudem handelt es sich bei Atomkeep um ein Projekt aus Kalifornien. Entsprechend fehlen auf der Liste der unterstützten Accounts deutsche Dienste wie etwa XING.
Trotzdem ist die Idee der Atomkeep-Gründer richtig und ausbaufähig. Denkbar wären auch lokale Anwendungen, mit denen der Nutzer seine Social-Media-Daten auf seinem PC verwaltet, was auch die Synchronisation mit lokalen Adressbuch-Applikationen erleichtern würde. Das wär doch eine schicke Anwendungen etwa für den Mac oder das iPhone.
Thomas Sprenger, Pironet NDH-Gruppe



